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Herzenskost
„Und warum machst du das?“
Die Frage nach dem Grund meiner Ernährungsform ist diejenige, die mir am
häufigsten gestellt wird. Warum mache ich das eigentlich? Warum ernähre ich mich
von Rohkost?
Da ich die typischen Rohkostphasen alle selbst erlebt habe, fallen mir
zunächst viele Gründe ein, warum ich es nicht mache:
Ich mache es nicht, weil jemand neue Vorschriften erfunden hat. Ich
praktiziere natürliche Ernährung auch nicht, um mich und mein Essen negativ zu
definieren und mir Gedanken darüber zu machen, was ich alles nicht essen darf.
Ich esse auch nicht so, um mich abzuheben oder um etwas Extremes zu tun. Bei
meinem Ernährungsexperiment geht es mir nicht darum, besser zu sein als andere
oder mich anderen gegenüber überlegen zu fühlen – weder durch Rohkost, noch
durch Training. Ich habe mich nicht für Rohkost entschieden, um ein Experte in
Sachen Ernährung zu werden oder um andere zu belehren oder gar zu missionieren.
Ich betrachte Rohkost nicht als das ultimative Ziel oder als den einzigen Weg
zur Glückseligkeit. Ich habe das Gedankengebäude der Kochkost nicht verlassen,
um einer neuen Religion beizutreten. Und ich ernähre mich auch nicht roh, um nie
wieder etwas anderes zu essen.
Aber ich kann einen ganz einfachen und entscheidenden Grund nennen, warum ich
es mache: Weil es mein Herz bereichert!
Amely Althaus, eine liebe Rohkostfreundin, hat diesen Grund für Rohkost
einmal sehr schön zusammengefasst: "Die Ernährung ist nur ein effektives Mittel
zum Zweck. Es geht noch um viel mehr. Rohkost öffnet unsere Herzen."
Genau das ist es! Ich möchte dem Weg meines Herzens folgen und dabei
interessante Möglichkeiten finden und außergewöhnliche Erfahrungen machen, die
außerhalb der Norm liegen. Denn vieles von dem, was wir nicht tun, machen wir
nur aus Angst vor den Konsequenzen nicht, ohne dass wir tatsächlich wissen, was
passiert bzw. passieren könnte. Ich möchte meine Grenzen testen und erweitern.
Es interessiert mich, was möglich ist. Ich mache es einfach! Ich denke nicht
viel darüber nach und suche auch keine wissenschaftlichen Erklärungen mehr. Denn
die Wissenschaft versucht ja lediglich die Wahrscheinlichkeit durch große
Fallzahlen zu erhöhen. Irgendwann werden wir merken, dass Einzelfälle auch
dadurch nicht zu verallgemeinern sind.
Deshalb möchte ich ohne Paradigmen leben – auch ohne Rohkost-Paradigmen. Ich
möchte Neues kennen lernen und mir die Freiheit nehmen, jeden Tag wieder
Anfänger sein zu dürfen. Ich möchte den Mut für eigene Erfahrungen aufbringen.
Und ich möchte die Erfahrungen von anderen, aber vor allem meine eigenen, wieder
ernst nehmen, zumindest ernster als mediale und religiöse Behauptungen. Denn
Meinungen und Glauben liegen sehr nahe beieinander. Die Erfahrung ist das, was
sie verändert. Jeden Tag wieder.
Durch die rohköstliche Erfahrung bekommt meine Kultur, die nach Terence
McKenna nur mein „Betriebssystem“ ist, ein Update oder zumindest ein neues
Plugin. Die Rohkost öffnet mir Türen, die ich bisher für verschlossen hielt. Sie
führt mir Wege und Möglichkeiten vor Augen, die für mich bisher außerhalb meiner
Wahrnehmung lagen.
Aus der Erfahrung, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte, mit Rohkost
Leistungssport zu betreiben, es aber trotzdem funktioniert hat, ergibt sich
nämlich eine logische Konsequenz. Ich stelle mir vor, was ich derzeit ebenfalls
für unmöglich halte und werde dadurch offen für viele scheinbare
"Unmöglichkeiten". Daraus entstehen dann ständig neue Möglichkeiten, die ich mir
früher nie hätte vorstellen können.
So wird mein Ernährungsexperiment zum Bewusstseinsexperiment, bei dem ich
niemand Rechenschaft schuldig bin. Umgekehrt muss ich aber auch niemandem sagen,
wie er es zu machen hat. Jeder kann und darf meine Erfahrungen ablehnen oder
davon profitieren – ganz wie er will. So gewinne ich nicht nur Einsichten in
meine Ernährung und die Funktionsweise meines Körpers, sondern auch in die Art
und Weise, wie ich mit mir selbst und mit anderen umgehe.
Dadurch wird mein Selbstversuch auch zu einem großen Lehrmeister: Wenn sich
in meinem Leben früher eine Türe geschlossen hat, die ich gerne geöffnet gesehen
hätte, bewertete ich es in der Regel negativ, dass diese Türe verschlossen war
und übersah dabei die vielen offenen und sich öffnenden Türen hinter mir. Statt
weiter an der verschlossenen Türe zu rütteln, habe ich es mir in letzter Zeit
angewöhnt, mich umzudrehen und nach den offenen Türen Ausschau zu halten. Dabei
versuche ich, diese offenen Türen auch wirklich zu erkennen, statt sie (wenn
überhaupt) nur als „Unmöglichkeiten“ wahrzunehmen.
Als Rohkostgemeinschaft stehen wir gemeinsam – genau wie viele andere
Menschen und Gruppen, die Alternativen zu dem suchen, was als allgemein
anerkannt und praktikabel gilt – an einer interessanten Schwelle der
Transformation. Wir durchlaufen derzeit eine bittersüße Phase von ungewöhnlich
positiver Erfahrung begleitet von missionarischem Eifer, begeisternder Euphorie
und Enttäuschung mit Ausnahmen und Rückfällen. Wir streben nach Frieden im
Außen, bevor wir ihn in uns gefunden haben. Ein Ziel, das jenseits unseres
Verstandes liegt. Vielleicht können wir dieses Ziel erreichen, wenn wir unser
Herz öffnen und uns mit Körper und Geist im Gleichgewicht befinden?
Unser Umfeld kann bei unserem Selbstversuch zuschauen, applaudieren und
kritisieren. Philosophen und Psychologen können über unsere Beweggründe
sinnieren, Mediziner und Ernährungsberater können uns vor den Konsequenzen
warnen. Doch nur diejenigen, die die Rohkost selbst erlebt haben und durch alle
Phasen gegangen sind, die euphorisch und enttäuscht waren, fastend entsagt haben
und ihren Geschmackssinn neu entdeckt und genossen haben, kennen die Süße und
das Versprechen, das in der Erfahrung der Rohkost liegt!
Roh- und Naturkost ist meine Herzenskost!
Lebe ungewöhnlich!
- Stefan
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PS. Weitersagen … am 10.10. ist Weltrohkosttag: http://www.weltrohkosttag.de
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