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Stefan Hienes Rohkost-Kolumnen

Kolumne "Herzenskost"

„Und warum machst du das?“

Die Frage nach dem Grund meiner Ernährungsform ist diejenige, die mir am häufigsten gestellt wird. Warum mache ich das eigentlich? Warum ernähre ich mich von Rohkost?

Da ich die typischen Rohkostphasen alle selbst erlebt habe, fallen mir zunächst viele Gründe ein, warum ich es nicht mache:

Ich mache es nicht, weil jemand neue Vorschriften erfunden hat. Ich praktiziere natürliche Ernährung auch nicht, um mich und mein Essen negativ zu definieren und mir Gedanken darüber zu machen, was ich alles nicht essen darf. Ich esse auch nicht so, um mich abzuheben oder um etwas Extremes zu tun. Bei meinem Ernährungsexperiment geht es mir nicht darum, besser zu sein als andere oder mich anderen gegenüber überlegen zu fühlen – weder durch Rohkost, noch durch Training. Ich habe mich nicht für Rohkost entschieden, um ein Experte in Sachen Ernährung zu werden oder um andere zu belehren oder gar zu missionieren. Ich betrachte Rohkost nicht als das ultimative Ziel oder als den einzigen Weg zur Glückseligkeit. Ich habe das Gedankengebäude der Kochkost nicht verlassen, um einer neuen Religion beizutreten. Und ich ernähre mich auch nicht roh, um nie wieder etwas anderes zu essen.

Aber ich kann einen ganz einfachen und entscheidenden Grund nennen, warum ich es mache: Weil es mein Herz bereichert!

Amely Althaus, eine liebe Rohkostfreundin, hat diesen Grund für Rohkost einmal sehr schön zusammengefasst: "Die Ernährung ist nur ein effektives Mittel zum Zweck. Es geht noch um viel mehr. Rohkost öffnet unsere Herzen."

Genau das ist es! Ich möchte dem Weg meines Herzens folgen und dabei interessante Möglichkeiten finden und außergewöhnliche Erfahrungen machen, die außerhalb der Norm liegen. Denn vieles von dem, was wir nicht tun, machen wir nur aus Angst vor den Konsequenzen nicht, ohne dass wir tatsächlich wissen, was passiert bzw. passieren könnte. Ich möchte meine Grenzen testen und erweitern. Es interessiert mich, was möglich ist. Ich mache es einfach! Ich denke nicht viel darüber nach und suche auch keine wissenschaftlichen Erklärungen mehr. Denn die Wissenschaft versucht ja lediglich die Wahrscheinlichkeit durch große Fallzahlen zu erhöhen. Irgendwann werden wir merken, dass Einzelfälle auch dadurch nicht zu verallgemeinern sind.

Deshalb möchte ich ohne Paradigmen leben – auch ohne Rohkost-Paradigmen. Ich möchte Neues kennen lernen und mir die Freiheit nehmen, jeden Tag wieder Anfänger sein zu dürfen. Ich möchte den Mut für eigene Erfahrungen aufbringen. Und ich möchte die Erfahrungen von anderen, aber vor allem meine eigenen, wieder ernst nehmen, zumindest ernster als mediale und religiöse Behauptungen. Denn Meinungen und Glauben liegen sehr nahe beieinander. Die Erfahrung ist das, was sie verändert. Jeden Tag wieder.

Durch die rohköstliche Erfahrung bekommt meine Kultur, die nach Terence McKenna nur mein „Betriebssystem“ ist, ein Update oder zumindest ein neues Plugin. Die Rohkost öffnet mir Türen, die ich bisher für verschlossen hielt. Sie führt mir Wege und Möglichkeiten vor Augen, die für mich bisher außerhalb meiner Wahrnehmung lagen.

Aus der Erfahrung, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte, mit Rohkost Leistungssport zu betreiben, es aber trotzdem funktioniert hat, ergibt sich nämlich eine logische Konsequenz. Ich stelle mir vor, was ich derzeit ebenfalls für unmöglich halte und werde dadurch offen für viele scheinbare "Unmöglichkeiten". Daraus entstehen dann ständig neue Möglichkeiten, die ich mir früher nie hätte vorstellen können.

So wird mein Ernährungsexperiment zum Bewusstseinsexperiment, bei dem ich niemand Rechenschaft schuldig bin. Umgekehrt muss ich aber auch niemandem sagen, wie er es zu machen hat. Jeder kann und darf meine Erfahrungen ablehnen oder davon profitieren – ganz wie er will. So gewinne ich nicht nur Einsichten in meine Ernährung und die Funktionsweise meines Körpers, sondern auch in die Art und Weise, wie ich mit mir selbst und mit anderen umgehe.

Dadurch wird mein Selbstversuch auch zu einem großen Lehrmeister: Wenn sich in meinem Leben früher eine Türe geschlossen hat, die ich gerne geöffnet gesehen hätte, bewertete ich es in der Regel negativ, dass diese Türe verschlossen war und übersah dabei die vielen offenen und sich öffnenden Türen hinter mir. Statt weiter an der verschlossenen Türe zu rütteln, habe ich es mir in letzter Zeit angewöhnt, mich umzudrehen und nach den offenen Türen Ausschau zu halten. Dabei versuche ich, diese offenen Türen auch wirklich zu erkennen, statt sie (wenn überhaupt) nur als „Unmöglichkeiten“ wahrzunehmen.

Als Rohkostgemeinschaft stehen wir gemeinsam  – genau wie viele andere Menschen und Gruppen, die Alternativen zu dem suchen, was als allgemein anerkannt und praktikabel gilt – an einer interessanten Schwelle der Transformation. Wir durchlaufen derzeit eine bittersüße Phase von ungewöhnlich positiver Erfahrung begleitet von missionarischem Eifer, begeisternder Euphorie und Enttäuschung mit Ausnahmen und Rückfällen. Wir streben nach Frieden im Außen, bevor wir ihn in uns gefunden haben. Ein Ziel, das jenseits unseres Verstandes liegt. Vielleicht können wir dieses Ziel erreichen, wenn wir unser Herz öffnen und uns mit Körper und Geist im Gleichgewicht befinden?

Unser Umfeld kann bei unserem Selbstversuch zuschauen, applaudieren und kritisieren. Philosophen und Psychologen können über unsere Beweggründe sinnieren, Mediziner und Ernährungsberater können uns vor den Konsequenzen warnen. Doch nur diejenigen, die die Rohkost selbst erlebt haben und durch alle Phasen gegangen sind, die euphorisch und enttäuscht waren, fastend entsagt haben und ihren Geschmackssinn neu entdeckt und genossen haben, kennen die Süße und das Versprechen, das in der Erfahrung der Rohkost liegt!

Roh- und Naturkost ist meine Herzenskost!

Lebe ungewöhnlich!

- Stefan

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PS. Weitersagen … am 10.10. ist Weltrohkosttag: http://www.weltrohkosttag.de




Kolumne "Leistungskost"

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich mir meine Leistungsfähigkeit trotz rohköstlicher Ernährung erklären kann?

Ich kann es nicht! Und ich habe bisher auch noch keinen Experten getroffen, der es mir erklären kann. Ich selbst bin kein Experte und ich lege auch keinen Wert darauf als solcher anerkannt zu werden. Ich frage mich auch immer öfter, ob Experten – egal welcher Couleur – bei der Suche nach Antworten überhaupt hilfreich sein können?

Experten sind der Meinung, sie wüssten aufgrund der Summe ihrer persönlichen Erfahrungen, die immer individuell und subjektiv sind, was anderen gut tun muss und sie sind der Meinung, sie wüssten das besser als diejenigen, die es betrifft. Deshalb geben sie dann Ratschläge, von deren Umsetzung angeblich unser Wohlergehen abhängt.

Ein Freund dagegen behauptet nicht, zu wissen, was gut für mich ist. Selbst wenn er die Erfahrung bereits gemacht hat oder noch macht, ist er sich darüber im Klaren, dass er nicht weiß, was mich erwartet. Er kann mir nur anbieten, mich zu begleiten und mich ermutigen, meinen eigenen Weg zu gehen. Er weiß, dass er diesen Weg nicht für mich gehen kann. Und er weiß, dass er mir lediglich Hinweise geben und seine eigenen Erfahrungen mit mir teilen kann. Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass er keine pauschalen Empfehlungen aussprechen kann, da seine Erfahrung nicht auf andere übertragbar sein müssen.

Wer hilft mir mehr – ein Experte oder ein Freund?

Ich möchte mich nicht als Experte, sondern als Freund anbieten. Ich möchte dich als Freund gleichberechtigt und auf einer gemeinsamen Augenhöhe begleiten. Unter Freunden gibt es keine Hierarchie. Es gibt niemanden, der wichtiger ist und niemanden, der dem anderen etwas schuldig ist. Es gibt keine Verpflichtungen. Freundschaft ist gelebte bedingungslose Liebe.

Gleichzeitig verstehe ich aber auch, dass viele Menschen gerne mehr Informationen und vielleicht auch etwas mehr Orientierung hätten, als nur den Hinweis, sie sollten einfach ihrem Herzen folgen. :-)

Aus diesem Grund berichte ich in dieser Kolumne gerne von einer Erfahrung, die ich erst vor einigen Wochen gemacht habe:

Ich bin schon lange auf der Suche nach der idealen Verpflegung während umfangreicher und intensiver Trainingseinheiten. Der Radsport ist ein perfektes Experimentierfeld dafür. Denn beim Radfahren kann man den Körper nicht austricksen. Eine Unterversorgung wirkt sich sofort und deutlich aus und hat einen schnellen Leistungsabfall zur Folge. Da die Trainingseinheiten zwischen 2 und 6 Stunden lang sind, gibt es besonders im Radsport das Phänomen des Unterzuckers, den die Radfahrer als „Hungerast“ bezeichnen. Eine Unterzuckerung kann zum Beispiel eintreten, wenn man bei langen Einheiten zu wenig zum Essen dabei hat.

Wenn man einen „Hungerast“ bekommt, hat man Heißhungerattacken von denen Rohköstler noch nicht einmal träumen können. ;-) Die Gelüste gehen von Schokolade über Kuchen bis Nudeln und Pizza. In diesen Momenten würde man fast alles essen! Und trotzdem habe ich noch keinen Radfahrer getroffen, der bei einem „Hungerast“ Lust auf Obst, Gemüse, Salat oder Wildkräuter hat. Je höher mein Rohkostanteil ist und je länger mein Rohkostversuch dauert desto seltener werden diese „Hungeräste“ – selbst dann, wenn ich zu wenig zum Essen dabei habe.

Trotzdem hat mir Obst nicht immer die notwendige Energie gegeben und ich musste relativ viel davon essen. Gemüse machte zwar die Flüssigkeitsaufnahme überflüssig, konnte aber dem Unterzucker nicht vorbeugen. Trockenfrüchte wie Datteln und Feigen kamen nur zum Schluss der Trainingseinheit in Frage, da sie sehr schnell ins Blut gehen und die Wirkung nicht nachhaltig genug war. Und wenn ich bei einem Rennen kurz vor Schluss Trockenfrüchte gegessen habe, hätte ich mich nach der Zieldurchfahrt aufgrund der starken Blutzuckerschwankung dann auch gerne am Kuchenbüffet bedient.

Als ich vor einigen Wochen in zügigen 2 Stunden und 30 Minuten von Riva auf den Monte Tremalzo gefahren bin, machte ich eine echte Ausnahmeerfahrung, dir mir vollkommen neue Möglichkeiten erschlossen hat. Ich wäre damals bereits nach zwei Drittel der Distanz am Liebsten in der nächstmöglichen Hütte eingekehrt um mir einen Teller Spaghetti zu bestellen. Da ich aber zufällig noch eine Handvoll Goji-Beeren dabei hatte, wollte ich sie zumindest noch vor der Einkehr essen. Die Wirkung der Gojis war so erstaunlich, dass ich den Hüttenbesuch komplett ausfallen lassen konnte. Sie bewirkten eine Stimulation, wie ich sie bisher noch nicht erfahren hatte. Ich hatte zwar nach wie vor ein wenig Hunger, aber die intensiven Gelüste waren fast verschwunden und ich konnte ohne Pause mit einer Art „neutralen Gelassenheit“ weiterfahren.

Am höchsten Punkt des Tremalzo angekommen war die zweite Hälfte Gojis fällig und ich begann mit der Abfahrt, die nach einer derartigen Anstrengung nicht ganz ungefährlich ist, da man sich auf den steilen und schotterigen Singletrails zwischen den Felsen und am Rand von Steilhängen stark konzentrieren muss um nicht abzustürzen. Meine Beine waren zwar müde, aber ich war die ganze Zeit voll präsent. Ich machte weder Flüchtigkeitsfehler noch hatte ich Konzentrationsprobleme. Die ganze Abfahrt war ein einziger Genuss und ich bin an diesem Tag wieder einmal die schönste Mountainbiketour meines Lebens gefahren. Im Val di Gresta angekommen hatte ich nach etwas mehr als 5 Stunden Training über 3000 Höhenmeter in den Beinen, ging unter die Dusche, zum Stretching und ohne Hunger ins Bett.

Seit dieser außergewöhnlichen Erfahrung setze ich Goji-Beeren ganz gezielt bei langen Trainingseinheiten als meine persönliche Leistungskost ein, ohne dabei zu übertreiben. Denn Goji-Beeren haben eine starke antioxidative Wirkung und ich will die Oxidation, die für mein Immunsystem wichtig ist, nicht komplett unterbinden.

Bei allen Mountainbiketouren, die länger als zwei Stunden dauern, habe ich Goji-Beeren aber auf jeden Fall als eiserne Reserve dabei. Mit Gojis in der Trikottasche habe ich das sichere Gefühl, nie „eingehen“ zu können und einen „Hungerast“ zu jedem Zeitpunkt vermeiden zu können.

Durch solche Experimente und Zufälle finde ich schrittweise zu meiner ganz persönlichen Leistungskost!

Lebe ungewöhnlich!
– Stefan

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